Über Anfänge und Philosophie des Tauchens

Lieber Norbert, seit wie vielen Jahren tauchst du und wie bist du zum Tauchen gekommen?
Ich tauche etwa seit meinem 18.Lebensjahr (1964). Allerdings habe ich schon mit 10 Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen und war so begeistert, dass ich sofort mit Flossenschwimmen und Freitauchen begann. Außerdem las ich damals sehr gerne Bücher von Hans Hass, dem Urvater der österreichischen Taucherszene. Zum Gerätetauchen bin ich aber dann erst deshalb gekommen, weil ich mich im Schwimmklub nicht anpassen konnte.

Was meinst du konkret mit „konnte mich nicht anpassen“?
Das bedeutet, ich war nicht gruppenfähig (lacht). Also in einer Horde von Menschen mitzuziehen, mit deren dauerndem Konkurrenzdenken - das war nie so wirklich meins. Ich war eher ein Einzelkämpfer.





,,Ich war noch nie ein Rudeltaucher!"

Die anderen Sportarten haben dich damals nicht so wirklich interessiert?
Nein, denn die anderen Sportarten waren damals schon sehr stark reguliert. Beim Tauchen hingegen gab es damals kaum Richtlinien. Erst viele Jahre später ist das erste Brevet vom Tauchsportverband schriftlich festgelegt worden, mit verschiedenen Prüfungskriterien, usw.

Waren deine Eltern auch Wasserratten wie du?
Mein Vater auf jeden Fall, meine Mutter weniger. 1955 ist Österreich frei geworden – dann gab es keine Besatzungsmächte mehr und mein Vater besuchte öfters die obere Adria. Er war ein sehr guter Schwimmer und wir haben als Kinder des öfteren die Donau überqueren dürfen – bei guter Strömung (lacht).

Klingt nicht ganz ungefährlich – hat deine Mutter so etwas toleriert?
Naja, gefährlich ist immer relativ. Obwohl: die Raddampfer damals waren schon etwas mühsam ... Na ja, meine Mutter war bei solchen ,,Veranstaltungen“ sowieso nie dabei.

Würdest du dich eher als Gerätetaucher oder Freitaucher bezeichnen bzw. was fasziniert dich mehr?
Hmm... das kann man nicht so genau beantworten... ich mag beides sehr, fühle mich in beiden ,,Welten“ wohl. Gerätetauchen ist natürlich viel bequemer.

Was sind deine Lieblingstauchplätze in Österreich und im Ausland?
In Österreich ist es der Neufeldersee – dort bin ich quasi aufgewachsen und mir auch gleich meine ersten Trommelfellrisse geholt. Damals hatte man noch keinen Tiefenmesser und man wollte trotzdem bis zum Grund tauchen. Am Neufeldersee fühle ich mich heute noch wohl. Vor allem wenn ich nicht im Strandbad bin, denn ich kann mir das gemeinsame Tauchen mit 150 anderen Menschen nicht vorstellen. Deshalb bin ich gern am Grundstück vom Peter Käferböck von Action Diving Austria. Ist irgendwie logisch dass es beim Strandbad fast nichts mehr zu Sehen gibt – wenn ich ein Krebs wäre, dann würde ich auch auswandern auf die andere Seite (lacht).

Und im Ausland?
Da fällt mir natürlich als erstes Ägypten ein. Vielleicht ist in anderen Tauchgebieten die Möglichkeit viele Großfische zu sehen höher als in Ägypten – aber insgesamt gesehen ist das rote Meer einfach unübertroffen, vor allem vom Preis/Leistungsverhältnis. Auch die Sicht ist genial – manchmal sieht man bis zu 50 Meter. Was habe ich denn davon, wenn es riesige Fische gibt, ich sie aber nur als Schatten wahrnehmen kann, weil die Sicht nur 10m beträgt? Das Non Plus Ultra ist für mich ein Safarischiff in Ägypten. In ein Hotel ginge ich nur einer Frau zuliebe, am Tauchschiff hat mein einfach viel optimalere Bedingungen. Der Kapitän steuert immer die schönsten Tauchplätze an und man kann vier Tauchgänge pro Tag machen. In Ägypten hatte ich schon viele schöne Erlebnisse: Begegnungen mit riesigen Mantas, und mit dem sympathischsten Hammerhai meines Lebens.

Was war so sympathisch an diesem Hammerhai?
Der Hammerhai kam mir so nah, dass ich ihm fast schon einen Kuss geben konnte. Aug in Aug kann man also sagen (lacht). Er war relativ groß, so ca. 4-5 Meter. Man kann sagen, es war von den Göttern so gewollt – die anderen Taucher waren schon sehr weit vorne am Riff und haben ihn nicht gesehen. Diese Hai-Begegnung war nur für mich bestimmt.

Hattest du schon mal Angst unter Wasser?
Nein, gefürchtet habe ich mich noch nie. Jedoch: Respekt habe ich immer.
Ich kann mich noch genau an einen üblen Tiefenrausch in Kroatien erinnern – ist jedoch zum Glück gut ausgegangen.

Wie haben die Tauchreisen damals ausgesehen – verglichen zur heutigen Zeit?
Die ersten Tauchreisen in Österreich hat damals Hydronaut organisiert. Jackets gab es damals keine, die Tauchflaschen und die Flossen nahmen wir mit in einem Sack, der Bleigurt war unter dem Mantel und das Tauchermesser unter der Hose am Fuß befestigt – so konnte man perfekt fliegen. Wir sind von Wien nach Rom, dann nach Asmara (= Hochland von Äthiopien), dann mit einer DC 3 im kühnen Sturzflug auf die Küste nach Eritrea. Danach auf ein Boot. Wir waren expeditionsartig unterwegs, also nicht vergleichbar mit der heutigen ,,All Inklusive-Zeit“. Obwohl wir dann eigentlich auch all inklusive gelebt haben: wir haben eigene Fische und Langusten gefangen – ganz im Sinne der Philosophie von Hans Hass: ,,Das Meer muss dich ernähren.“ Am Anfang waren wir naiv und dachten wir könnten uns ausschließlich vom Meer ernähren, aber es stand schnell fest, dass man auf diese Art und Weise hungern muss. Also haben wir beim nächsten Tauchurlaub einige Inzersdorfer Dosen mitgenommen.
Manchmal sind wir auch mit einem alten VW-Bus nach Neapel durchgefahren, mit 2 oder 3 Kompressoren im Schlepptau, dann weiter hinunter in den Süden um dann mit der Fähre nach Sizilien zu fahren. Es gab auch weitere Reisen: mit dem VW-Bus nach Athen, dann mit der Fähre runter zum Sinai. Dort haben wir die Küste von Aquaba erkundigt. Es gab damals noch keine Hotels oder Tauchbasen – wir waren also abhängig von dem was wir mitgenommen haben. Solche Tauchurlaube haben durchschnittlich vier Wochen gedauert.

Wie ist dein persönlicher Tauchstil? Bist du einer von den Schnellen oder tauchst du eher langsam und gemütlich?
Ich bin ein überaus langsamer Taucher und schaue mir alles genau an. Die anderen können ruhig drei Mal ums Riff schwimmen während ich noch nicht mit einer Runde fertig bin. Deshalb tauche ich grundsätzlich lieber alleine oder mit jemandem, den ich sehr mag. Wenn der Tauchguide glaubt, er muss einen neuen Streckenrekord im Rudeltauchen brechen, soll er es ruhig machen. Aber ohne mich. Einmal habe ich fast 100 Minuten Tauchzeit geschafft – die anderen tauchen leider immer nur 40 oder 45 Minuten. Es gibt sogar Zeitbegrenzungen, ZB auf den Malediven – dort durfte ich nicht mehr als 60 Minuten tauchen und wenn man sich nicht daran hält, dann ist der Tauchguide sogar böse. Das finde ich nicht in Ordnung, wenn man für den Tauchgang bezahlt. Und außerdem: wenn ich solange auskomme mit der Luft – dann soll der Tauchguide oder Tauchlehrer gefälligst auch darauf achten, dass er es kann!

Unsere Philosophie von DiveStyle.at ist u.a., dass bei jeder Scuba-Tauchausbildung zumindest die Grundzüge des Apnoe Tauchens vermittelt werden sollten bzw. dass bei der Ausbildung zum Tauchlehrer (egal welcher Verein bzw. Organisation) die Apnoe-Ausbildung fester Bestandteil sein müsste. Wie stehst du zu der ganzen Sache?
Ich bin schwer dafür! Alleine aus Sicherheitsgründen: man bekommt ein gesundes Selbstbewusstsein und kann deshalb besser mit Extremsituationen umgehen und Tauchunfälle vermeiden. Der Luftverbrauch ist auch ein wesentlicher Faktor. Wenn man mit letzter Kraft ZB einen Anker ausbuddeln muss und dabei enorm viel Luft verbraucht, dann ist das sicher nicht angenehm. Will damit sagen: Wenn man ein wenig Apnoe-Kenntnisse besitzt, dann verbessert sich auch die Qualität bei den Gerätetauchgängen. Bei der Ausbildung sollte auch mehr die Philosophie des Tauchens erörtert werden. Jeder weiß dass man ZB beim Bogenschießen Eins sein muss mit dem Ziel – und beim Tauchen braucht man das nicht? Wenn du Wasser bist – dann bist du ein Taucher. Da unser Körper sowieso hauptsächlich aus Wasser besteht, sollte es für uns ein Leichtes sein, Wasser zu werden. Es gibt aber nur sehr wenige Leute, die das können – und denen ich nacheifere. In einer Tauchergruppe, ZB am Safarischiff, gibt es leider kaum jemanden der gerne schnorchelt – geschweige denn freitaucht.

Warum glaubst du, dass die ursprünglichste Form des Tauchens (Apnoe) heutzutage immer noch kaum oder gar nicht bei den Tauchausbildungen vorhanden ist?
Ich glaube weil sich die Leute nicht anstrengen wollen. Freitauchen ist doch etwas anders – weniger bequem als Gerätetauchen. Du kannst versuchen dich selbst zu finden beim Tauchen oder Apnoe Tauchen – das tun noch nicht viele Leute. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Leute es mit Motorradfahren gleichsetzen. Es ist viel zu viel Technik dahinter bzw. steht fast immer die Technik im Vordergrund. Ich bin schon öfter hinter solchen ,,Michelin-Männchen“ hinterhergetaucht – die einzige Bewegung war ein lustiges Links-Rechts-Pendeln, weil er mit seinem neu gekauften Wing Jacket nicht klar gekommen ist. Viel vom Riff kann er nicht sehen, weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Die Technik ist zwar wichtig - sie hat das Gerätetauchen ja revolutioniert, aber der Mensch steht immer noch im Vordergrund. Jedoch: mit der Technik kann man angeben – mit dem Menschen kann man es nicht.
Wenn du jetzt sagst: das Tauchen soll nicht zu einem Wettkampf ausarten, dann ist das zwar schön und gut – aber das entspricht nicht der Geschäftsphilosophie der Tauchverbände. Der Kapitalismus in der Tauchbranche blüht wie nie zuvor. Jedes Jahr muss man sich was Neues Tolles dazukaufen. Wer 10 Jahre mit derselben Tauchausrüstung taucht – der ist geschäftlich gesehen unbrauchbar.
Was ich bei der Tauchausbildung zusätzlich nicht ganz verstehe: die vielen Taucher, die ZB am Neufeldersee herumstreunen, sind eisern darauf bedacht den Kompasskurs millimetergenau zu üben, aber niemand kommt auf die Idee, den Notaufstieg von 20m auf 3 oder 5m zu üben! Bei der Wasserrettung damals war das eine Pflichtübung.

Was ist dein Lieblingstier unter Wasser?
Ich mag Carretta Schildkröten. Meine erste Begegnung mit Schildkröten war in Äthiopien. Jedoch: soviele Schildkröten auf einen Haufen wie in Mexico findet man sonst nirgends.

Was sind – abgesehen vom Tauchen - sonst noch deine Hobbys?
Reisen, Kultur, Fotografieren, und alles was mit Kunstgeschichte zu tun hat, moderne und alte Kunst.

In welchen Lokalen/Restaurants trifft man dich in Österreich oder im Ausland?
Bin oft im griechischen Restaurant ,,Kreta“ in Wien, ab und zu auch im ,,Sokrates“.
Im Ausland: alle guten Lokale in Rovinj/Kroatien – da ich dort ein Campinggrundstück besitze, kann man mich in Rovinj im Sommer öfter antreffen.

Lieber Norbert,
Vielen Dank für dieses interessante und bereichernde Gespräch. Wir wünschen dir alles Liebe und viel Spaß bei deinen weiteren Unterwasser-Aktivitäten!





Kurzclip: Norbert im Stadthallenbad:-)




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Fritz Donart